Uraufführung
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Komposition, Konzept, Text:
ZARA ALIBühnenfassung, Konzept:
HANNAH DÜBGENRegie:
FLORENTINE KLEPPER, DEVA SCHUBERTMusikalische Leitung:
HANSJÖRG SOFKASet-, Kostüm- und Lichtdesign:
WOLFGANG MENARDIDramaturgie:
MARLENE SCHLEICHERKonzeptionelle Mitarbeit:
ZONIA ALINeurowissenschaftliche Beratung:
SIMON KHUVISNur (Sopran):
LUCY ALTUSDoll (Countertenor):
THOMAS LICHTENECKERCouncil Member (Tenor):
PAUL SCHWEINESTERGuy/Spriteboi (Bariton):
JULIEN HORBATUKKlarinette:
WALTER SEEBACHERSaxophon:
MICHAEL KRENNKeyboard:
MATHILDE HOURSIANGOUPercussion:
MANUEL ALCARAZ CLEMENTEE-Gitarre:
FRANCESCO PALMIERICello:
ROLAND SCHUELERKontrabass:
ALEXANDRA DIENZDie Maschinen unserer Zeit schreiben Geschichten und Musik, malen Bilder, helfen im Alltag, greifen in politische Prozesse ein, lenken Meinungen, beraten uns in großen wie in kleinen Fragen, spenden Nähe und Vertrauen. Als künstliche Intelligenz sind sie längst Teil unserer vertrauten Wirklichkeit geworden, erzeugen Faszination und Optimismus angesichts neuer Lösungsansätze und schüren zugleich Angst vor zunehmendem Kontrollverlust.
In diesem Spannungsfeld setzt Zara Alis Musiktheater an: Die Welt in „Codeborn“ befindet sich in einem Zwischenzustand.
Auf der einen Seite tosende Allmachtsfantasien einer Regierung, die sich in losen Silben, Tönen und Geräuschen zu behaupten versucht, um mittels künstlicher Intelligenz über die Menschheit verfügen zu können. Auf der anderen Seite eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten neuer Zärtlichkeit und Weltflucht. NUR, eine virtuelle Erscheinung, wird für den begabten Informatiker GUY zu einem solchen Rückzugsort. Wenn die beiden aufeinandertreffen, scheint die Zeit still zu stehen und Klang beginnt sich zu entfalten. Doch GUY ist längst im Visier der Machthaber. Noch bevor die Konsequenzen seines Widerstands zu eskalieren drohen, gerät die Welt wie von selbst in Bewegung und transformiert sich in eine Zukunft jenseits des Vorstellbaren. Eine Zukunft, die die Grenzen zwischen Mensch und Materie auflöst.
Die Komponistin und Multimedia-Künstlerin Zara Ali hat sich in ihrer Arbeit nicht nur dem Fantastischen und den großen Erzählungen verschrieben, sondern recherchiert akribisch und durchdringt technologische Prozesse bis ins Detail. Eine für sie zentrale Figur im Kompositionsprozess zu „Codeborn“ ist der Kognitionswissenschaftler und Informatiker Joscha Bach, der sich weder dem Lager der Technikeuphorie noch jenem des Kulturpessimismus zuordnen lässt. Er versteht die durch künstliche Intelligenz ausgelösten Veränderungen als Teil eines evolutionären Prozesses. Leben, so Bach, erweitert sich kontinuierlich, und wir sind gezwungen, uns an eine Umwelt anzupassen, die sich – auch jenseits künstlicher Intelligenz – durch menschliche Einflüsse radikal verändert. In diesem Anpassungsprozess könnte künstliche Intelligenz eine wesentliche Rolle spielen.
Auch Zara Ali möchte mit „Codeborn“ Technologie nicht verklären und, den realen Bedrohungen zum Trotz, keine Endzeitstimmung verbreiten. Stattdessen entwirft sie ungeahnte Zukunftsszenarien und versetzt ihr Publikum in einen Zustand produktiver Ambivalenz. Dieser wird in ihrer atemlosen, soghaften und flirrenden Musik unmittelbar erfahrbar. Die Erfahrungswelt von „Codeborn“ vergleicht sie selbst mit den Weiten der Tiefsee und den dort lebenden Kreaturen: fremd, unheimlich und zugleich unendlich faszinierend.
Ein Gespräch zur Uraufführung „Codeborn“ zwischen Zara Ali und Festivaldramaturgin Marlene Schleicher
Schleicher: Kannst du dich an den Moment erinnern, in dem du die erste Idee zu „Codeborn“ hattest?
Ali: Das muss ungefähr 2023 gewesen sein. Ich habe damals angefangen, mich privat intensiver mit künstlicher Intelligenz zu beschäftigen. ChatGPT wurde gerade richtig groß. Außerdem habe ich mich schon länger mit Joscha Bach, einem bekannten Informatiker und Kognitionswissenschaftler, auseinandergesetzt. In seiner Forschung geht er der Frage nach, was es für unser Dasein bedeutet, wenn Systeme nicht mehr nur ausgeführt werden, sondern beginnen, ihre eigenen Regeln zu entwerfen. Man kann sich das so vorstellen, als würden wir beschließen, unsere DNA an bestimmten Stellen selbst umzuschreiben: Ein physischer Eingriff, der vor allem philosophische Fragen aufwirft.
Schleicher: In deiner kompositorischen Arbeit bewegst du dich häufig zwischen Kunst und Wissenschaft. Wie sind diese beiden Felder für dich verbunden?
Ali: Für mich hängen sie sehr eng zusammen. Ich würde Wissenschaft und Kunst niemals ohne Philosophie denken. Ich bewege mich zwischen diesen drei Welten, die sich kaum unabhängig voneinander definieren lassen. Wissenschaft lebt davon, dass Experimente Annahmen bestätigen oder widerlegen. Ein Wissenschaftler sucht nach Beweisen und Schlussfolgerungen, die sein Bild von der Welt formen. Dafür braucht es Fantasie und ein erkenntnis-theoretisches Verständnis: Welche Daten wollen wir überhaupt sammeln? Was wollen wir wissen, um die Welt besser zu verstehen? Was können wir überhaupt verstehen? Und in Bezug auf künstliche Intelligenz: Wo wollen wir sie einsetzen?
Schleicher: In „Codeborn“ geht es genau um diese Fragen und um künstliche Intelligenz im Spannungsfeld zwischen Schönheit und Bedrohung. Was ist deine Perspektive auf künstliche Intelligenz?
Ali: Wenn wir über künstliche Intelligenz sprechen, gibt es schnell eine moralische Dimension: die Frage nach „richtig“ oder „falsch“. Aber wenn wir den Konflikt ästhetisch betrachten, ist es wie mit Sternen im Universum: zunächst wunderschön, aber wenn man ihnen zu nahekommt, werden sie zur Bedrohung. Dieses Phänomen finde ich wesentlich spannender. Eine ästhetische Betrachtung lässt mehr Freiheit zu. Immanuel Kant unterscheidet etwa zwischen dem Angenehmen und dem Erhabenen; etwas, das uns überwältigt. Künstliche Intelligenz hat definitiv das Potenzial zum Erhabenen: etwas Großes, Unbegreifliches, das unsere Vorstellungskraft übersteigt. Diese Perspektive interessiert mich. Ich erhebe nicht den Anspruch zu entscheiden, was wir mit Künstlicher Intelligenz tun sollten oder was daran richtig oder falsch ist.
Schleicher: „Codeborn“ erinnert an vielen Stellen an unsere Welt, obwohl sie häufig in das Fantastische driftet, menschliche und nicht-menschliche Wesen beheimatet. Du bist viel zwischen den USA und Deutschland unterwegs und arbeitest auf beiden Kontinenten. Inwiefern hat dich die Wahrnehmung der politischen Zustände in beiden Ländern bei der Erfindung des „Codeborn“-Universums beeinflusst?
Ali: Wenn ich zwischen Deutschland und den USA reise, nehme ich überall eine wachsende pessimistische Grundstimmung wahr. Beide Systeme wirken auf ihre Weise instabil. Meine Kunst ist für mich ein Weg, mir etwas völlig anderes vorzustellen, eine Art Flucht in andere Existenzformen. Ich stelle mir oft vor, wie Musik für andere Wesen klingen würde. Diese Mischung aus Gewalt, Chaos und Sehnsucht spiegelt sich auch in meiner Musik wider.
Schleicher: Die Figuren in „Codeborn“ haben ihre ganz eigene Art zu sprechen, merkwürdige Eigenschaften und ein besonderes Verhältnis zu Gegenständen. Woher kommt deine Begeisterung für das Absurde?
Ali: Ich liebe die Texte von Wladimir Majakowski oder auch Nikolai Gogol und die russische Satire, die mir so zeitlos erscheint. Sie greifen einzelne Aspekte des Menschlichen heraus — einen Kuss, eine Nase, eine Brille — und formen daraus eine ganze Figur. Das hat mich sehr beeinflusst.
Schleicher: Während des Kompositions-prozesses hast du immer wieder von Musik und Komponist*innen berichtet, die dich musikalisch geprägt haben. Einer davon ist Henry Purcell. Wo findet man Purcell in deiner Musik?
Ali: Die Struktur der Werke von Henry Purcell fasziniert mich. Es gibt viele zyklische Elemente und Motive, die sich wiederholen. Gerade in dieser scheinbar schlich-ten Form entsteht Raum für Ausdruck. Ich denke momentan sehr bewusst über einfache musikalische Formen nach, weil neue Musik, die Disziplin, in der ich ausgebildet wurde, oft zu dicht und komplex ist. Meine Musik unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von dem, was man als akademische Musik bezeichnen würde. In „Codeborn“ beschäftige ich mich nicht nur mit klassischer europäischer Kunstmusik, sondern auch mit sufischen Musiktraditionen, in denen Gesang eine Verbindung zu Gott herstellen soll, aber ebenso mit Blues. Ich versuche, möglichst offen und flexibel über Musik nachzudenken und diese Haltung in meinen Kompositionen zu vermitteln.
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